Ein langer Weg zur vollständigen Kontrolle
Vor rund zwölf Jahren sorgte ein milliardenschwerer Zukauf in der europäischen Telekommunikationsbranche für Schlagzeilen: Vodafone kündigte im Juni 2013 die Übernahme von Kabel Deutschland an, dem damals größten Kabelnetzbetreiber Deutschlands. Mit einem Angebot von rund 7,7 Milliarden Euro betrat der britische Mobilfunkkonzern erstmals das Terrain von Festnetz und TV für Privatkunden in Deutschland. Vorstandschef Vittorio Colao betonte, dass damit ein wichtiger Schritt hin zu integrierten Kommunikationsdiensten gemacht werde, da immer mehr Kunden TV, Festnetz- und Mobilfunkdienste aus einer Hand verlangen. Kabel Deutschland, mit 8,5 Millionen Kunden und einem Netz, das 15,3 Millionen Haushalte erreichte, versprach strategisches Wachstumspotenzial für Vodafone. Den vollständigen Hintergrund der ursprünglichen Transaktion fasste The Guardian zusammen.
Der Deal wurde vom Vorstand von Kabel Deutschland gebilligt, stand aber zeitweise im Schatten eines potenziellen Bieterwettstreits mit der US-amerikanischen Liberty Global, die bereits UnityMedia kontrollierte. Letztlich setzte sich Vodafone durch und schloss die Übernahme noch im selben Jahr ab. Im Herbst 2013 hielt der Konzern schließlich 76,8 Prozent der Anteile an Kabel Deutschland.
Von der Mehrheitsbeteiligung zum Squeeze-out
Nach der erfolgreichen Übernahme folgten weitere Schritte zur vollständigen Integration. Im Dezember 2013 wurde ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag (DPLTA) geschlossen, der ab April 2014 wirksam wurde. Durch diesen Vertrag konnte Vodafone das Geschäft von Kabel Deutschland enger an die eigene deutsche Landesgesellschaft anbinden. Minderheitsaktionären sicherte Vodafone eine jährliche Ausgleichszahlung von 3,17 Euro je Aktie zu und bot ihnen auf Verlangen an, ihre Anteile für 84,53 Euro je Stück abzugeben. Dieser sogenannte “Put Option”-Preis stieg jährlich entsprechend einer gesetzlichen Formel.
Trotz dieser Angebote war die Bewertung der Ausgleichszahlungen ein juristischer Streitpunkt. 2019 entschied das Landgericht München I, die gezahlten Entschädigungen seien gemessen an den damaligen Geschäftserwartungen von Kabel Deutschland „angemessen”. Mehrere Minderheitsaktionäre akzeptierten das nicht und zogen vor das Oberlandesgericht, was den Übernahmeprozess in die Länge zog.
Ende 2020 strebte Vodafone schließlich die vollständige Übernahme der verbliebenen Minderheitsanteile an. Dazu legte der Konzern ein öffentliches Übernahmeangebot vor und bot 103 Euro in bar je ausstehender Aktie von Kabel Deutschland. Für etwa 17 Prozent der Anteile lagen bereits unwiderrufliche Zusagen großer institutioneller Investoren wie Elliott und D. E. Shaw vor. Sollten alle Minderheitsaktionäre das Angebot annehmen, hätte Vodafone insgesamt rund 2,1 Milliarden Euro aufgewendet, finanziert aus eigenen Mitteln. Nach Abschluss der Transaktion würde der Konzern mindestens 93,8 Prozent der Kabel-Deutschland-Aktien halten. Details zu den einzelnen Schritten des Angebots, den rechtlichen Hintergründen und der Finanzierung veröffentlichte Vodafone.
Ein wichtiger Aspekt dieser Offerte: Minderheitsaktionäre, die das Angebot akzeptierten, verzichteten auf sämtliche Ansprüche aus laufenden Gerichtsverfahren. Institutionelle Investoren, darunter Elliott, verpflichteten sich zudem, ihre Rechtsmittel gegen Vodafone zurückzuziehen und auf weitere juristische Schritte zu verzichten. Das Angebot stand noch unter dem Vorbehalt der Genehmigung gemäß deutschem Außenwirtschaftsrecht. Die Annahmefrist lief vom 28. Dezember 2020 bis zum 1. Februar 2021.
Ausblick: Vodafone setzt auf Integration und Wachstum
Mit der Übernahme von Kabel Deutschland hat Vodafone nicht nur einen wichtigen Schritt hin zu einem voll integrierten Netzbetreiber in Deutschland gemacht, sondern auch seine Position im europäischen Festnetzmarkt gestärkt. Das Unternehmen betreibt heute europaweit das größte Mobilfunk- und Festnetz, wie Vodafone selbst betont. Darüber hinaus bietet es in Afrika mit M-Pesa digitale Bezahldienste für Millionen Menschen und ist an der Spitze der IoT-Konnektivität.
Im Kontext des deutschen Marktes bleibt die vollständige Integration von Kabel Deutschland in den Vodafone-Konzern ein zentraler Bestandteil der Strategie. Sie ermöglicht es, Synergien zu heben, das Produktportfolio auszubauen und den Wettbewerb mit anderen großen Anbietern wie Deutsche Telekom und Liberty Global zu intensivieren. Während die großen juristischen Auseinandersetzungen um die Minderheitenrechte nun weitgehend beigelegt scheinen, steht Vodafone vor der Aufgabe, die in den vergangenen Jahren gelegten Grundlagen in nachhaltiges Wachstum umzusetzen.
Die Entwicklung rund um Kabel Deutschland zeigt, wie langfristig und vielschichtig große Übernahmen im europäischen Telekommunikationsmarkt verlaufen können. Mit dem faktischen Abschluss des Squeeze-outs und einer klaren strategischen Ausrichtung dürfte Vodafone die nächste Etappe auf seinem Weg zu einem vollständigen integrierten Kommunikationsanbieter gehen. Wie sich die Marktanteile und Angebote weiterentwickeln, bleibt jedoch spannend – zumal der Wettbewerb weiter zunimmt und Innovationen wie 5G, Glasfaser und neue TV-Dienste zunehmend an Bedeutung gewinnen.